Rede:

  • 18. März 2009
Erste Rede im Plenum

Peter Weckmann sprach zum Thema "Hochschulzugang öffnen - Mehr Chancen für Studierende ohne Abitur"


Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Diskussion über den Hochschulzugang lässt sich doch zuspitzen auf die Frage: wie viel Chance auf eine breitere universitäre Bildung räumen wir wem und wie vielen ein?

Ich möchte einen Satz aufgreifen, den Prof. Dobischat, der Vorsitzende des deutschen Studentenwerkes, im Rahmen einer Veranstaltung meiner Fraktion zur Hochschulpolitik am 06. März gesagt hat: "Wir sind im Grunde bei allen Debatten im Kern wieder dort angelangt, wo wir in den 70ern, den Aufbruchsjahren der deutschen Hochschulpolitik, schon einmal gestanden haben."

Dieser Satz ist zweifellos richtig. Damals wie heute brauchen wir eine breit angelegte Bildungsexpansion, eine Höherqualifizierung der Gesamtbevölkerung.

In der derzeitigen Krisensituation, in der die Wirtschaft verstärkt auf stetige Innovationen setzen muss, werden gut ausgebildete, mit- und vorausdenkende Beschäftigte gebraucht. Dafür ist ein breiterer Bildungshintergrund erforderlich.

Auf der anderen Seite ist für Beschäftigte Bildung die entscheidende Voraussetzung, um sich in schwierigen Arbeitsmarktsituationen, in Umbruchzeiten zurechtzufinden
und Arbeitslosigkeit vorzubeugen.
Daher muss es auch aus dem Berufsleben heraus verstärkt möglich sein, sich durch ein Universitätsstudium oder Fachhochschulstudium weiter zu qualifizieren.

Die in den 70ern postulierte "Illusion der Chancengleichheit" besteht allerdings noch immer - und wird auch eine Illusion bleiben, je mehr die Landesregierung an Selektion und der Verhinderung von Durchlässigkeit im Schulsystem festhält.
Die Ziele der 70er haben an Aktualität nicht verloren.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang drei zentrale Kernforderungen meiner Fraktion zur Hochschulpolitik ansprechen:

1. Wir müssen die Bildungspotenziale bildungsferner Schichten stärker mobilisieren.

NRW steht bei der Partizipation von Kindern aus bildungsfernen und einkommensschwachen Elternhäusern an Hochschulbildung besser da als der Bundesdurchschnitt.
NRW nimmt hier - dank 39 Jahren SPD-Regierung - im Vergleich zu anderen Bundesländern eine Spitzenposition ein.

Aber auch in NRW muss dieser Anteil noch weiter gesteigert werden, um insgesamt dem Mangel an akademischem Nachwuchs zu begegnen. Auch im nordrhein-westfälischen Bildungssystem müssen die sozialen Schranken endlich beseitigt werden, um noch mehr Bildungspotenziale zu mobilisieren.

2. Wir brauchen mehr Chancengleichheit.

Denn: Der familiäre Hintergrund hat wieder entscheidendere Auswirkungen auf den Bildungsweg junger Menschen gewonnen.
Mit einem Anteil von 15 Prozent aus der den sogenannten bildungsfernen Schichten an der Zahl aller Studierenden in NRW ist diese - in der Bevölkerung wesentlich stärker vertretene - Gruppe in der Studierendenschaft immer noch die absolute Minderheit.

Bildungschancen dürfen aber nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Immer noch bestehende soziale - und finanzielle - Zugangshürden im Hochschulsystem müssen abgebaut werden. Chancengleichheit betrifft insbesondere die Studiengebühren.

3. Wir brauchen eine sichere Studienfinanzierung.

Studienerfolg hängt in erster Linie von gesicherter Studienfinanzierung ab. Dies gilt umso mehr, wenn man die Hochschulen auch für Studieninteressierte mit beruflicher Qualifikationsvoraussetzung öffnet.

Ich will an dieser Stelle nur darauf hinweisen, dass Studienabbruch, Fachwechsel und Studienunterbrechung häufig weniger mit Orientierungsproblemen sondern vielmehr mit fehlender Absicherung der Studienfinanzierung zusammenhängen. Die Erhöhung des BAföG war auf Bundesebene deshalb der richtige Schritt in die richtige Richtung.

Gerade auf diesem Weg – früher „Zweiter Bildungsweg“ - werden besonders viele der in Deutschland dringend benötigten Fachkräfte, Ingenieurinnen und Ingenieure ausgebildet. NRW war bundesweit immer führend mit Angeboten, den Erwerb der Hochschulreife mit beruflicher Bildung zu synchronisieren. Um diese Stellung auszubauen, müssen die Hochschulen noch stärker geöffnet werden.

Heute gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den 70ern. Bildungsreformen sind keine Frage der Ideologie! Der Grund lässt sich in einem Wort ausdrücken: PISA.
Auch konservative Teile unserer Gesellschaft - und ich rede jetzt bewusst nicht von den Parteien – haben erkannt, dass das Bildungswesen in Deutschland insgesamt reformiert und sozial geöffnet werden muss.

Das ist nicht reine Menschenliebe! Nein. Die sozialen Folgen des Ausschlusses ganzer Bevölkerungsschichten sind für die Zukunft unseres Gemeinwesens schlicht nicht mehr tragbar. Dieser Ausschluss hat auf dem Arbeitsmarkt bereits zu einem erheblichen Fachkräftemangel geführt.
Fachkräftemangel ist auch bei unserem Antrag das entscheidende Stichwort.
Es sollte auch Sie - Landesregierung und Koalitionsfraktionen - bewegen, mehr zu tun!

Was wir brauchen ist eine klare Regelung, wie wir die Hochschulen in NRW insgesamt sozial noch stärker öffnen können – insbesondere wie wir die Durchlässigkeit zwischen Beruf und Hochschule erhöhen können.

Dazu müssen wir Akteure aus Wirtschaft, Gewerkschaften, Hochschulen, Schulen und Ausbildung an den Tisch holen. Das wollen wir gerne gemeinsam mit Ihnen tun - der jüngste Beschluss der KMK deutet ja auch darauf hin, dass hier im Grundsatz Einigkeit besteht.

Deshalb kündige ich jetzt schon für meine Fraktion an, dass wir im Landtag zu diesem Thema eine Anhörung beantragen werden, die dazu dienen soll, diese grundsätzliche Übereinstimmung für die Menschen in unserem Land in konkrete Ergebnisse umzumünzen.

Vielen Dank!