Meldung:

  • 16. Mai 2012

Wahlanalyse zur Landtagswahl 2012


So sieht es in NRW aus (i):

Die SPD gewann 4,7 Prozentpunkte dazu und wurde mit 39,1% der Zweitstimmen mit deutlichem Abstand stärkste Partei. Am besten schneidet die SPD mit einem Stimmanteil von 47,7% im Ruhrgebiet ab. Besonders große Zugewinne erzielt sie jedoch eher außerhalb ihrer klassischen Hochburgen.

Hannelore Kraft erzielte in ihrem Wahlkreis mit 59,1% der abgegebenen Stimmen das beste Erststimmenergebnis der SPD.

Die CDU verlor 8,2 Prozentpunkte und kam auf 26,3% der Zweitstimmen – so wenig wie noch nie zuvor bei einer Landtagswahl in NRW.

Die GRÜNEN konsolidierten sich als drittstärkste Kraft in NRW bei 11,3%.

Die FDP gewinnt 1,9 Prozentpunkte hinzu und erhält somit einen Stimmanteil von 8,6% im Düsseldorfer Landtag.

Die PIRATEN erzielen ein Zweitstimmenergebnis von 7,8% und ziehen in das nordrhein-westfälische Landesparlament ein. Die LINKEN verfehlen den Wiedereinzug. Sie erhalten lediglich 2,5% der Zweitstimmen.

 

Wählerstromanalysen.

Die CDU verlor an alle politischen Wettbewerber. Darüber hinaus hatte sie am stärksten mit einer mangelnden Mobilisierung zu kämpfen. 110.000 Wahlberechtigte, die 2010 die CDU gewählt hatten, blieben zur Wahl am 12. Mai 2012 schlicht zu Hause.

Die SPD konnte vor allem vom Zustrom ehemaliger CDU-Wähler profitieren. 190.000 derjenigen Wähler, die 2010 noch die CDU gewählt hatten, wählten nun die SPD. Weiterhin schaffte es die SPD, ehemalige Nicht-Wähler (120.000) für die SPD zu mobilisieren. Von LINKEN (90.000) und GRÜNEN (70.000) flossen der SPD ebenfalls entscheidende Wählerstimmen zu. Abgeben musste die SPD 90.000 Stimmen, die bei der jetzigen Wahl auf die PIRATEN entfielen.

Die GRÜNEN mobilisierten insbesondere ehemalige Nicht-Wähler (50.000) und Erstwähler (20.000). Darüber hinaus konnten sie Stimmen ehemaliger Wähler der LINKEN und sogar der CDU als Wanderungsgewinne verbuchen. Abgeben mussten sie - ähnlich wie die SPD – 90.000 Stimmen an die Piraten.

 

Gewinne und Verluste in unterschiedlichen Zielgruppen

Die CDU verlor in fast allen Alters- und Bevölkerungsgruppen. Selbst in solchen Zielgruppen, in denen sie noch am besten abschnitt – bei Katholiken und Rentnern – verlor sie überdurchschnittlich.

Insbesondere aber bei Wählerinnen zwischen 45 und 59 Jahren fielen die Verluste der CDU im Vergleich zur letzten Wahl zweistellig aus. Bei dieser Zielgruppe legte allerdings die SPD am deutlichsten zu.

Die SPD legte in allen Bevölkerungsgruppen zu – besonders jedoch bei Beamten, Angestellten, Selbständigen und Rentnern. Bis auf die Gruppe der Selbständigen und im katholischen Milieu ist die SPD überall stärkste Kraft in NRW. In den Altersgruppen ab 45 Jahren erreichte sie durchweg Werte, die deutlich über der 40%-Grenze liegen. Darüber hinaus gewann sie jeden zweiten Ruheständler.

Die GRÜNEN haben nach wie vor Wählerschwerpunkte bei Wählern mit besserer formaler Ausbildung sowie bei Beamten, Angestellten und konfessionslosen Wählern. Besonders stark waren die GRÜNEN allerdings bei der Zielgruppe der jüngeren Frauen.

Die PIRATEN erzielten in NRW ihre größten Erfolge bei den unter 34-jährigen. Sie sprechen jedoch – und das ist anders als bei den GRÜNEN – erfolgreicher junge Männer als junge Frauen an. Zweistellige Wahlergebnisse erreichten die PIRATEN bei Arbeitslosen, Arbeitern und Selbständigen. Zu den Haupt-Wählergruppen der PIRATEN gehören ebenfalls konfessionell ungebundene Wähler.

 

Wahlentscheidende Themen

Die SPD mobilisierte – lt. Auskunft von rund 8.000 von Infratest dimap befragten Wählern – im Wesentlichen über die Themen soziale Gerechtigkeit (41%), Bildung (35%) und (präventive) Wirtschaftspolitik (24%).

Eine überdurchschnittliche Motivation bei denjenigen, die sich am Wahlsonntag für die SPD entschieden haben, erzielte Hannelore Kraft. 40% der Befragten gaben an, dass von der Spitzenkandidatin der SPD der ausschlaggebende Impuls für ihre Wahlentscheidung ausging.

Einen ebenfalls recht hohen Wert erzielte Christian Lindner, dessen Kandidatur für 31% der befragten FDP-Wähler ausschlaggebend für deren Wahlentscheidung war. Insgesamt fühlte sich die FDP-Wählerschaft vorwiegend (58%) von wirtschaftspolitischen Aussagen der FDP zu ihrer Wahlentscheidung motiviert.

Der CDU-Kandidat Norbert Röttgen konnte nur 21% der eigenen Wählerschaft bewegen.

Das von FDP und CDU in den Mittelpunkt der Kampagnenaktivitäten gestellte Thema „Verschuldung“ zündete beim Wähler/bei der Wählerin nur bedingt. Zwar mobilisierte die FDP über dieses Thema 32% ihrer Wählerschaft. Bei der CDU fühlten sich aber lediglich 21% dadurch angesprochen und bei SPD (9%) und GRÜNEN (7%) ging kaum ein Impuls von diesem Thema aus.

 

So sieht es in Essen (ii) insgesamt aus:

Zugewinne der SPD wurden vor allem im Südwahlkreis und im Raum Borbeck erzielt. Die SPD verzeichnet ihre höchsten Zuwächse in bisherigen CDU-Hochburgen, in Stadtteilen mit überwiegend katholischer Prägung und in Stadtteilen, deren Sozialstruktur von gehobener Mittelschicht und einkommensstarken Bevölkerungsgruppen geprägt ist.

Die CDU fuhr in Essen ihr bisher schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl ein. Sie verlor in all ihren traditionellen Hochburgen.

GRÜNE profitierten in Essen von ihrer ausdrücklichen Zweitstimmenkampagne. Zwischen grünen Erst- und Zweitstimme lagen stadtweit 29,6%, d.h. das Zweitstimmenergebnis der GRÜNEN (12%) lag um fast 30% höher als ihr Erstimmenergebnis (8,5%).

PIRATEN waren vor allem im Essener Norden erfolgreich. Gleichzeitig verlor dort die LINKE die meisten Stimmen. 2012 bündelten die PIRATEN also scheinbar das Protestwählerpotenzial, das 2012 noch von der LINKEN aufgefangen wurde.

 

So sieht es im Südwahlkreis (iii) aus:

Mit 69,7% Wahlbeteiligung wurde im Südwahlkreis der höchste Mobilisierungsgrad in NRW erreicht.

Die SPD erreichte im Südwahlkreis 38,4% der Zweitstimmen und erzielte dort deutliche Zugewinne (+ 5,2 Prozentpunkte) gegenüber der Landtagswahl 2010. Der Zugewinnanteil im Südwahlkreis, der höher lag als in den anderen Essener Wahlkreisen, belegt die Tendenz, dass die CDU vor allem in ihren traditionellen Hochburgen am deutlichsten an Stimmen verloren hat.

Bis auf zwei Stadtteile (Bredeney, Schuir), die mit 31,7% bzw. 31,8% der gültigen Stimmen der CDU zufielen, gingen alle übrigen Stadtteile im Südwahlkreis mit Mehrheit an die SPD. In Überruhr-Hinsel konnte die SPD sogar die absolute Mehrheit der Stimmen (50,0%) erreichen.

Ebenfalls hohen Nutzen aus der Schwäche der CDU zogen im Essener Süden die Freien Demokraten. Sie konnten mit 11,7% der Zweitstimmen einen Zugewinn von rund 4,3 Prozentpunkten auf ihr Ergebnis 2010 erreichen. In Bredeney erreichte die FDP einen Zweitstimmenanteil von 23,2%.

Obwohl der CDU-Kandidat im Essener Süden mit 32% der Erstimmen um 24,4% vor dem Zweitstimmenergebnis der CDU in diesem Wahlkreis (24,1%) lag, trennten ihn letztendlich 11,5 Prozentpunkte und rund 10.000 absolute Stimmen vom Ergebnis des SPD-Kandidaten.

Peter Weckmann konnte den Wahlkreis mit 43,5% der Erststimmen für die SPD gewinnen.

eew


Quellennachweise (siehe Fussnoten im Artikel):

(i) Willy-Brandt-Haus – Referat Konkurrenzbeobachtung / Forschung / Analysen (Hrsg): Landtagswahl Nordrhein-Westfalen 13. Mai 2012. Ergebnisse und Schnellanalysen auf Basis der Kurzfassung des Infratest-dimap-Berichts für die SPD, Berlin 14. Mai 2012

(ii) Stadt Essen / Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen (Hrsg): Landtagswahl am 13. Mai 2012 in Essen. Eine Analyse der vorläufigen Ergebnisse, Essen 14. Mai 2012

(iii) Stadt Essen / Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen (Hrsg): Landtagswahl am 13. Mai 2012 in Essen. Eine Analyse der vorläufigen Ergebnisse, Essen 14. Mai 2012